Abends kommst Du nach hause, schmeißt die Jacke in die Ecke, schaltest den Fernseher ein und willst dich für eine Runde Netflix auf die Couch setzen.

Doch dort liegt der Wäscheberg.

Eigentlich wolltest du ihn gestern Abend noch schnell in die Waschmaschine werfen. Doch dann war am Ende der Folge immer ein so spannender Cliffhanger und beim Zubettgehen dachtest Du, dass Du einfach etwas früher aufstehen kannst, um zu waschen. Den Wecker hast Du drei Mal weggedrückt und dann war keine Zeit mehr, um Dich noch um die Wäsche zu kümmern. Jetzt willst Du nach dem stressigen Tag auch erstmal lieber entspannen und räumst den Wäschehaufen von der Couch auf das Bett.

Das ganze wiederholt sich, bis Du keine frischen Socken mehr hast und zwei oder drei Maschinen an einem Tag waschen musst.

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Das “First world problem”: Die Prokrastination. Studentensyndrom. Aufschieberitis. Morgen, morgen, nur nicht heute. Wenn Dir das bekannt vorkommt und Du eine Lösung dafür brauchst, dann lies weiter.

Schmerzgrenze vs. Grenznutzen

Ich glaube im Alltag des Menschen gibt es zwei Dinge, die uns dazu bringen etwas zu tun oder zu lassen. Zwei Enden einer Skala.

Auf der einen Seite die Schmerzgrenze, der Triggerpunkt, ab dem wir einen Zustand nicht mehr aushalten, etwas ändern wollen, uns selbst zwingen in Aktion zu treten.

Auf der anderen Seite gibt es den Grenznutzen, der Punkt, ab dem wir nicht mehr daran glauben, dass uns mehr Einsatz mehr Ergebnis bringt oder mehr Ergebnis uns nicht glücklicher macht. Eine Grenze, hinter der wir keine Lust mehr haben weiterzugehen.

Die Skala

Nehmen wir an auf einer Skala von 1-10 liegt die Schmerzgrenze bei vielen Leuten auf der 3 und der Grenznutzen bei 7. Mit ihren alltäglichen Tätigkeiten versuchen sie ihr Befindlichkeitslevel, ihre Sicht auf verschiedenen Situationen des Lebens, wie Beziehungsstatus, eigene äußerliche Erscheinung, Größe des Autos, Sauberkeit des Badezimmers, Erfolg im Beruf und so weiter.

Warum liegen die Grenzen nicht bei 1 und 10? Es geht immer schlechter und besser. Und es geht auch immer VIEL schlechter oder besser. Ganz ehrlich, wann immer wir denken, dass es uns in unserem behüteten Leben in diesem fortschrittlichen zivilisierten demokratischen Land schlecht geht… Es gibt noch eine ganze neue Skala darunter. Und wann immer Du denkst mehr geht nicht… es gibt keine Grenzen.

Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen im Schnitt auf einer 4 Leben. Ein bisschen über der Schmerzgrenze, aber es nervt sie jeden Tag irgendetwas. Und dann können sie sich drüber aufregen. Das ist ein guter Hinweis. Wer hat diese Leute im Freundeskreis, die sich jedes Mal, wenn ihr euch seht über dasselbe Thema aufregen und nichts tun, um etwas daran zu ändern? Meistens können sie ja auch gar nicht dafür und das System ist schuld.

Die Komfortzone

Der Bereich zwischen Schmerzgrenze und Grenznutzen nennt sich Komfortzone. Ich fühle mich wohl hier, warum sollte ich etwas daran ändern? Stillstand ist Rückschritt. Warum? Weil während du dich nicht weiter entwickelst, andere es tun, mit denen du dich in Zukunft verglichen wirst und dann ist es plötzlich keine 4 mehr, sondern eine 3 oder 2 und dann kaufst du dich mit dem neuen iPhone in die 5 ein, bis es wieder zur 2 oder 3 absinkt.

Für die meisten Menschen ist es ein ständiger Kampf gegen die Schmerzgrenze. Warum denn mehr anstrengen, solange es mir gut geht? Ja, ganz ehrlich, warum? Man kann die Wohnung auch erst putzen, wenn sie so richtig dreckig ist, nicht nur ein bisschen. Duschen, wenn man schon stinkt. Das Essen aus der Tupperdose von letzter Woche wegschmeißen, wenn es schimmelt.

Das ist faul. Prokrastination. Etwas so lange hinausschieben, bis es getan werden muss. Bis es die Schmerzgrenze überschreitet. Hier kommt das Problem: Erfolg liegt nicht knapp über der Schmerzgrenze. Selbstvertrauen, Anerkennung und Glück liegen nicht knapp über der Schmerzgrenze. Erfolgreiche Menschen leben knapp unter oder Über der anderen Grenze. Außerhalb ihrer Komfortzone.

Und jetzt kommt der Trick: Jedes Mal, wenn man über die 7, über den Grenznutzen hinaus, außerhalb seiner Komfortzone etwas erreicht, verschiebt sich die Skala. Das was früher die 7 war, wird zur 6 oder 5. Zum akzeptablen Mittelmaß. Das, was früher die unaushaltbaren 1 oder 2 waren, fällt komplett aus dem Vorstellbaren. Plötzlich werden Dinge greifbar, die man früher noch für 9 der 10 gehalten hat.

Der Wäscheberg

Ein entspannter Abend zu hause. Jetzt vorm Schlafen von ein paar Folgen Netflix. Auf der Couch siehst Du den Wäscheberg.

Es ist wieder so viel, dass es sich lohnt eine Maschine anzuschmeißen. Du hast zwar eigentlich keine Lust, überwindest dich aber es zu tun. Danach siehst Du zwei Folgen deiner Lieblingsserie, holst die Wäsche aus der Maschine, hängst sie auf und gehst zufrieden ins Bett.

Am nächsten Morgen ist das erste, woran Du denkst, wenn der Wecker klingelt, nicht, dass Du eigentlich noch Wäsche waschen musst, denn Du hast es bereits getan. Es plagt Dich kein schlechtes Gewissen. Deine Willenskraft und Selbstwertgefühl werden nicht geschwächt. Du stehst auf ohne den Alarm dreimal wegzudrücken, startest gelassen in den Tag und bist abends nicht gestresst.

Insgeheim wissen wir alle, dass es viel mehr Zeit und Nerven kostet kleine Aufgaben dauernd aufzuschieben. Dennoch tun wir es. Warum? Aufschieben liegt in der Komfortzone.

Was soll das?!

Du magst dich fragen “Wat laberst du? Zahlen jonglieren und irgendeine Komfortzone auf einer Skala definieren und hin und her zu schieben bringt mich nicht weiter!”

Und damit hast du Recht. Dennoch stimmt etwas in dir dem Modell zu. Ich verwende das Modell mit der Skala von 1 bis 10 und den Wäscheberg, um das Problem damit etwas zu veranschaulichen und dem ganzen etwas greifbares zu geben.

Ich kenne das Spiel. Ich habe mein Leben die meiste Zeit über mit freizeitorientierter Schonhaltung geführt. Ein schlechtes Abitur, ein abgebrochenes duales Studium und irgendwie die Ausbildung absitzen in einem Beruf, den ich interessant genug finde, um hin und wieder aus Versehen von Interesse getriebene gute Leistungen abzuliefern. Dann habe ich mich immer gerne eine Weile auf meinen Erfolgen ausgeruht.

Immer, wenn es brenzlig wurde, habe ich Gas gegeben und das beste aus der Situation herausgeholt und wieder unter meinen Möglichkeiten performt, bis es erneut brenzlig wurde. Das alles lief so weiter, bis ich irgendwann meinen Mittelweg gefunden hatte, durch den es nicht mehr so oft bis gar nicht mehr brenzlig wurde und ich auch irgendwo im unteren Mittelfeld der Komfortzone gelandet war und dort wie eine Boje immer mal ein bisschen auf und ab schwappte.

Die Skala für Schmerzgrenze und Grenznutzen
Die Skala für Schmerzgrenze und Grenznutzen

Warum tun wir das?

Prokrastination ist aus meiner Sicht das Gegenteil von Investition.

Wenn Investieren der Verzicht auf kurzfristiger Vorteile oder Annehmlichkeiten ist, um größere langfristige Erfolge zu erreichen, so ist das Prokrastinieren, das Leben knapp über der Schmerzgrenze das Gegenteil. Kurzfristige Annehmlichkeiten im Eintausch gegen langfristige Zufriedenheit.

Grundsätzlich ist uns der Umstand bewusst. In dem Moment der Entscheidung, wenn wir vor der Couch stehen und überlegen, ob wir die Wäsche waschen oder sie auf das Bett werfen, ist unser Gehirn auf kurzfristige Auswirkungen konzentriert. Wir denken, dass der Aufwand, die Menge an Arbeit, dieselbe ist und der Endzustand auch. Egal, ob wir jetzt die Wäsche waschen oder erst morgen.

Dabei beachten wir emotionalen Auswirkungen nicht, die das Aufschieben auf uns hat. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen, können die vorgezogene Freizeit nicht gut genießen, entspannen nicht wirklich und sind dadurch irgendwie unerklärlich unter Dauerstress und schnell reizbar. Dadurch werden wir ineffizienter in den Tätigkeiten, die wir tatsächlich ausführen, brauchen also für die gleichen Dinge mehr Zeit und stressen uns noch mehr. Ein Teufelskreis, den wir erst durchbrechen, wenn die Schmerzgrenze überschritten ist.

Und was können wir jetzt dagegen tun?

Was, wenn es wieder auftritt, dass wir in dem Moment der Entscheidung nicht die Motivation finden die Investition zu tätigen und stattdessen der Prokrastination nachgeben? Wenn das Problem ist, dass Du in der Situation nur Argumente für das Aufschieben findest, dann liegt es daran, dass du nur kurzfristig denkst. Kurzfristig gesehen ergeben all die Dinge Sinn.

Wenn ich solch eine Situation bemerke, dann halte ich inne und frage mich, was diese Entscheidung für Auswirkungen hat. Und zwar jetzt in dem Moment, in kurzfristiger Zukunft, in Mittelfristiger Zukunft und langfristig. Stefan Frädrich gibt in seinem Buch über den inneren Schweinehund* einige Anleitungen solche Momente zu meistern. Der große Investor Ray Dalio beschreibt es in seinem Buch Principles* mit Erst-, Zweit- und Dritt-Level Konsequenzen.

Was passiert, wenn ich den Wäscheberg beiseite schiebe?

  1. Ich kann sofort Netflix gucken und muss jetzt nicht noch mehr Arbeit verrichten.
  2. Ich muss mich später um die Wäsche kümmern.
  3. Ich habe ein schlechtes Gewissen und mein Selbstwertgefühl sinkt, weil ich mal wieder eine Aufgabe nur aufgeschoben habe anstatt sie einfach direkt zu erledigen.
  4. Ich werde auch in Zukunft die Dinge eher Aufschieben als sie erledigen, wenn ich mich nicht darin übe.

Sobald Du also etwas über die kurzen Auswirkungen hinaus denkst, stellst du fest dass es viel mehr Argumente gibt es jetzt direkt zu tun. Ein weiteres Problem ist, dass wir sehr gut darin sind die Gedanken, die wir uns um die Punkte 2-4 machen, zu verdrängen. Deshalb wirkt es besser, wenn wir diese Gedankengänge aufschreiben oder es jemandem erzählen. Dem Partner oder Mitbewohner zum Beispiel.

Das Leben am anderen Ende der Skala

Ich habe vor einiger Zeit angefangen mich nicht mehr mit dem Leben knapp über der Schmerzgrenze, dem Leben mit der Prokrastination zufrieden zu geben. Ich wusste tief in mir, dass da mehr gehen muss. Ich habe einige Bücher gelesen, sowie Hörbücher und Podcasts gehört und mir ein paar Methoden angeeignet wie zum Beispiel sich die weiterführenden Konsequenzen des eigenen Handelns genau zu vergegenwärtigen und damit die faulen kurzfristigen Argumente zu besiegen.

Ich muss zugeben, dass es nicht immer klappt. Man entscheidet nicht von jetzt auf gleich eine bessere Version seiner selbst zu sein, schnippt mit den Fingern und ist fertig. Das ganze Ding mit der Persönlichkeitsentwicklung ist ein langer Prozess. Der berühmte Marathon statt Sprint.

Doch egal, auf welchem Level Du dich gerade befindest. Von jedem Startpunkt aus gibt es kleine Schritte in Richtung Ziel. Meiner war es mein Leben von einer 4 auf eine 5 zu heben. Und dann auf eine 6. Und in den letzten Monaten sind auch einige Schritte zurück beschritten worden. Doch mehr Schritte gingen in Richtung Erfolg.

Ich habe keine Wäscheberge mehr auf meiner Couch. Naja. Nur noch selten 🙂

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1 Kommentar

Projekt Umfeldwechsel – Teil 1 – Investforke · 6. Januar 2019 um 20:28

[…] erhöhten Leidensdruck als der gewachsenen Eigenverantwortung geschuldet. Ich hatte die berühmte Schmerzgrenze überschritten und sah mich im […]

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